Videokonferenzen ermöglichen Chancengleichheit beim Zugang zur Bildung und Weiterbildung

Der Zugang zu Bildung und Weiterbildung beginnt in der Regel mit dem Betreten von Gebäuden an bestimmten Orten. Man geht zur Schule oder zur Uni. Die dort eingerichteten Klassen und Fachräume sorgen für die altersgemäße Zuordnung von Schülern. So kommen Schüler und Lehrer bzw. Dozenten und Studenten zusammen. Die Produktionsstätten für Bildung und Weiterbildung sind im Allgemeinen noch so strukturiert, wie es von den Vordenkern humanistischer Bildung vorgeschlagen wurde. Es gibt 9 bis 10 Jahre Pflicht zum  Besuch einer Volks- bzw. Hauptschule. In 10 Jahren erreicht man die Mittlere Reife bzw. den Realschulabschluss. In 13 Jahren kann man das Abitur schaffen und hat damit die allgemeine Hochschulreife. Hinzugekommen sind noch ein paar Abwandlungen und Übergangsmöglichkeiten, die in Deutschland als Folge des Flickenteppichs in der föderal organisierten Bildung besonders unübersichtlich sind.

Eine wesentliche Rolle seit der Einführung unseres Bildungssystems spielt der Buchdruck. Er war Voraussetzung, dass nach der Reformation die humanistischen Ideale und die Werke von Pädagogen schnell verbreitet werden konnten. Die Pioniere früherer Jahrhunderte ehrt man in Gebäude-Namen für Bildungsstätten. Es gibt Montessori-Kindergärten, Pestalozzi-Schulen, Fröbel-Seminare und die Humboldt- und die Gutenberg-Universität.

Das Internet entkoppelt den Zugang zur Bildung von den Gebäuden. Wer eine Internet- bzw. Online Akademie besuchen möchte, benötigt nur ein geeignetes Endgerät und einen Internet-Anschluss. Nur Tätigkeiten im Labor und Praktika erfordern weiterhin das Aufsuchen von Räumen mit entsprechender Ausstattung bezüglich technischer und menschlicher Ressourcen.

Meist ist es nicht mehr nötig, an einen festen Ort zu kommen, um einer Vorlesung, einem Seminar oder dem Unterricht beizuwohnen. Der Begriff Vorlesung stammt aus der Frühzeit der Universitäten, als die Professoren den Studenten aus eigenen Werken vorlasen, weil der Buchdruck noch keine Option zur Weitergabe von Wissen war.

Unterricht per Videokonferenz ist in Deutschlands Schulen kaum ein Thema. Für Arbeitssuchende ist es eine Weiterbildungsmöglichkeit, die Zehntausende nutzen. Die effiziente Durchführung gelingt im Rahmen der geförderten Weiterbildung mit Bildungsscheck. Die Arbeitsagentur möchte Menschen in jeder Lebenslage unterstützen. Sie ist unabhängig von regional aufgestellten Kultusministerien und kann bundesweit die geeignetsten Anbieter vorschlagen. Das ermöglicht den Bildungsunternehmen die Vernetzung von Angeboten, Dozenten und Teilnehmenden und eine stetige Optimierung der Angebote.

Bei den ersten Kursen per Videokonferenz wurde der Anreiseweg der Weiterbildungswilligen verkürzt. Die Anbieter stellten passende IT-Infrastruktur an zentral gelegenen Orten bereit. Mittlerweile sind zunehmend Kurse im Home-Office verfügbar. Das erleichtert sowohl Eltern von kleinen Kindern als auch Menschen mit Behinderung den Zugang zu den Angeboten. Natürlich können in diesem Konzept auch Dozenten, Lehrer und Ausbilder an beliebigen Orten sitzen und von dort Vorträge und Präsentationen mit Übungen durchführen. Ihr Auditorium ist ein virtueller Raum mit Passwort geschütztem Zugang im Internet. Der Blickkontakt und die Gespräche mit den Teilnehmern wird mit Videokonferenz-Software realisiert. Die Lösungen der Teilnehmer betrachtet man über parallel eingesetzte Fernwartungssoftware. Damit kann man auf deren Monitore schauen und direkt helfen. Die notwendige Ausrüstung kostet weniger als 1000 Euro pro Schüler und ist in der Regel schon zum größten Teil schon im Home-Office vorhanden.

Kaum einer weiß, dass es deutsche Unternehmen sind, die diese Technologie entwickeln. Mehr als 1,5 Milliarden Geräte und Anlagen im Internet der Dinge sind  bereits mit der Technologie von TeamViewer aus Göppingen verbunden. Die Einsatzmöglichkeiten reichen von der Medizintechnik in der internationalen Raumstation bis zu den interaktiven Whiteboards an Schulen. Rollstuhlfahrer und Menschen, die nicht so einfach täglich zu den Bildungsstätten kommen können, schreiben es auf ihren Tablet-PC und die TeamViewer-Software überträgt es auf das echte oder virtuelle Whiteboard, welches vom Rest der Lerngruppe im Internet oder im klassischen Klassen- oder Seminarraum gesehen wird.

In dieser Videokonferenz Technologie und der Fernwartung sind deutsche Unternehmen führend. Leider nimmt kaum jemand die Chancen im Bereich der Bildung wahr, weil die Entscheidungsträger diese Lösungen nicht kennen. Die Bundesregierung möchte etwas mit dem Digitalpakt bewegen, aber sie wird ausgebremst. Dem Kommentar von Heribert Prantl vom 5.12. 2018 können Fachleute nur zustimmen: „Der schulpolitische Flickenteppich ist eine Qual für Lehrer, Eltern und Schüler. Das Lamento der Ministerpräsidenten über den Digitalpakt ist ein Lamento über ihre eigenen Defizite.“ https://www.sueddeutsche.de/bildung/schule-foederalismus-digitalpakt-1.4238646

Den praktischen Einsatz unterrichtswirksamer Technologie finanziert derzeit hauptsächlich die Arbeitsagentur. Weiterbildungsmaßnahmen zur Qualifizierung von Arbeitssuchenden mit modernster Technologie gibt es zum Beispiel von der Karlsruher alfatraining GmbH, die selbst Software für Videopräsenzschulungen entwickelt hat und diese allen Interessenten zugänglich macht. Die SAP AG als größtes europäisches Softwareunternehmen setzt schon auf die in Karlsruhe entwickelte Lösung für Schulungen und Weiterbildung. Reisen in entfernte Schulungszentren werden größtenteils überflüssig. Die globale Zusammenarbeit in verteilten Teams wird unterstützt. Die Betriebskosten für die Videokonferenz rechnen sich dank der Einsparung von Reisezeiten und Reisekosten sehr schnell. Man verliert damit weniger Zeit und belastet nicht die Umwelt durch den Gebrauch von Treibhausgas und Feinstaub produzierende Verkehrsmittel. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, den es zu nutzen gilt.

„Man lernt nicht für die Schule, sondern für sich selbst und zur Vorbereitung auf den Beruf und das Leben in der Gesellschaft“ so ähnlich hat es fast jeder schon in Festreden gehört. Wenn das ernst genommen werden soll, muss der Einsatz der Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen in zeitgemäßer Weise erfolgen. Wenn es in den Zeiten von Pestalozzi und Humboldt schon die heutigen Möglichkeiten gegeben hätte, wäre die Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) auch schon in deren Konzept eingegangen. Mehr als bedrucktes Papier oder die Ausstellungsobjekte in Museen waren damals als Begleitmaterial zum Unterricht kaum denkbar.

Der Einsatz von Videokonferenz-Technologie im Klassenzimmer bringt ungeahnte Optionen:

Bei den Fremdsprachen könnte man einfach Schaltungen zu Partnerklassen in Ländern herstellen, wo unsere Fremdsprachen die Muttersprache sind. Parlamentsdebatten und wichtige Dokumente in der EU müssen in die 24 Amtssprachen übersetzt werden, damit alle EU-Bürger in ihrer Muttersprache am politischen Prozess teilnehmen können. Innerhalb einer Unterrichtsstunde könnte man interkulturelle Erfahrungen sammeln. Schüler könnten Präsentationsprüfungen in Fremdsprachen durchführen und unmittelbare Reaktionen von Muttersprachlern erhalten. Interkulturelle Videokonferenzen wären eine sinnvolle Begleitung des Sprachunterrichts. Schüler mit anderen Muttersprachen sind die natürlichen Fachleute in ihrer Sprache. Die Lehrer der per Videokonferenz temporär zusammen geschlossenen Klassen moderieren solche länderübergreifenden Veranstaltungen als virtuellen Schüleraustausch. Als Folge kommt dann vielleicht auch ein Besuch des anderen Landes in der konventionellen Form des Schüleraustauschs in Frage.

Englische, französische und spanische Muttersprachler in den Sprachunterricht einzubinden ist kein Problem. Mit chinesischen Muttersprachlern kann man nur videokonferieren, wenn sie sich im westlichen Ausland aufhalten. Weil die Verschlüsselungstechnologie der deutschen Anbieter nicht in China überwacht werden kann, bleibt sie ausgesperrt. Diese Erkenntnis ist eine Erfahrung für den PoWi-Unterricht und fördert das Verständnis, dass der Zugang zur freien Meinung und Information als Basis unserer europäischen Demokratien global gesehen nicht selbstverständlich ist.

Statt nur aus den vor Jahren von Kultusministerien für Unterrichtszwecke empfohlenen Lehrbüchern zu lernen, könnte man im Geografie-Unterricht auch mal zu Observatorien zur Beobachtung von Vulkanen oder Gletschern schalten oder in den Weltraum, um von dort Live-Bilder und den Vortrag eines Astronauten in der Erdumlaufbahn zu hören. Menschen wie Alexander Gerst, der ein deutscher Geophysiker, Vulkanologe und Astronaut ist, werden damit mehr junge Menschen für die MINT-Fächer begeistern als gedruckte Schulbücher und Lehrer die damit ihren Unterricht durchführen.

Gerade in Zeiten des zunehmenden Nationalismus und der Bedrohung des Weltklimas durch nationale Alleingänge macht eine solche Techniknutzung Sinn, um interkulturelles Verständnis und andere Perspektiven kennen zu lernen.

Gegenwärtig werden Schüler bei der Nutzung von IKT weitgehend allein gelassen. IKT ist bei manchen Lehrern ein ähnliches Tabuthema, wie es die Sexualkunde noch vor einem halben Jahrhundert war. Man weiß, dass sie für die Schüler bedeutsam ist, aber man weiß nicht, wie man damit im Unterricht umgehen soll. Millionen von Schülern nutzen YouTube, Skype und WhatsApp ohne pädagogische Begleitung. Lehrer ohne Kompetenz in IKT wirken auf sie wie unkundige Spaßbremsen, deren antiquierten Unterricht man ertragen muss, um keine schlechten Noten zu erhalten.

Die Vorbereitung einer Präsentation und deren mündlicher Vortrag in einer Videokonferenz vor muttersprachlichem Publikum ist sicherlich eine größere Herausforderung, als eine Hausarbeit auf Basis der Wikipedia zusammen zu schreiben. Der Bericht des Wirtschaftsmagazin „Forbes“ über den YouTube-Kanal „Ryan Toysreview“ beweist, dass Kinder nicht nur die Wischkompetenz am Smartphone entwickeln, sondern dass siebenjährige Spielzeugtester sehr kreativ sind und IKT richtig zu nutzen wissen. Die 22 Millionen Dollar Einnahmen des Grundschülers beweisen, dass es geht. Das Genie des Carl Friedrich Gauß zeigte sich schon in seiner Schulzeit im 18. Jahrhundert als er dort seinen Lehrer mit der selbst ausgedachten Summenformel verblüffte. Heute verblüffen angehende Genies beim Einsatz neuer Technik.

Mit diesen neuen Techniken können die Schüler selbst Lernmaterialien erstellen die ihren Bedürfnissen entsprechen. Sie benötigen jedoch fachlich kompetente Lehrer, die solche Projekte begleiten können. Das bedarf der Bereitschaft, nicht nur Geld in schnelles Internet und neue Hardware zu investieren, sondern auch den vorhandenen Lehrerstamm zu motivieren und weiterzubilden, damit sie modernen Unterricht auch in der Rolle eines Moderators durchführen können. Das Angebot „Train the Online-Trainer“ begleitet die schrittweise Einführung von Videokonferenzen am praktischen Beispiel. Es macht die Teilnehmer mit sehr unterschiedlichen Lösungen bekannt, so dass man am Ende die passende Lösung für den Einsatz im eigenen Umfeld finden kann. Der Beginn von Pilotprojekten ist für den 15. Januar 2019 geplant. Details werden auf dieser Seite veröffentlicht.