Digitale Bildung: „Man muss es nur tun“

Ein offener Brief an mit ‚digitaler Bildung‘ beschäftigte Organisationen und Personen

 

Liebe Förderer der digitalen Bildung,

 

den Satz im Titel „Man muss es nur tun“ von der Unionsveranstaltung vor einem Monat habe ich neben der Wortschöpfung „Hosentaschenpotential“ noch im Ohr. (Anm.: Ich war auch bei der parallelen angesetzten SPD-Veranstaltung) Deshalb meine Frage an Sie als Bildungspolitiker und -organisatoren: An wen kann man sich wenden, wenn man es tun will und auf langjähriger Erfahrung basierende Konzepte anzubieten hat?
Bild zum OffenenBrief zu Bildungsmaterialien und OERHintergrund: Meine Kompetenzen beim Einsatz digitaler Medien in der Ausbildung habe ich seit dem Abschluss des Physikstudiums stetig erweitert. Als externer IT-Trainer war ich unter anderem über 20 Jahre im Unternehmen des früheren DIHK-Präsidenten Braun tätig und habe dort die Zertifizierung von IT-Kenntnissen mit dem ECDL eingeführt. Von 2012 bis 2014 habe ich in Berufsförderungswerken in Bad Wildbad und Hamm nicht nur Umschüler in IT-Lernfeldern unterwiesen sondern auch die Moodle-Lernplattformen auf- oder ausgebaut. Dienstleistungen zum Auf- und Ausbau digitaler Bildungsangebote verantworte ich seit Jahresbeginn als Geschäftsführer eines Startups, der bluepages gmbh.
Der Mangel an brauchbaren freien Materialien mit Optionen zu Selbsteinschätzungstests oder Einstufungstests, führte zur Geschäftsidee eines Verlages für Online-Materialien auf der Basis der am weitesten verbreiteten offenen Lernplattform Moodle. Unser Unternehmen mit Sitz in Kassel, möchte sowohl ein Verlag von Online Bildungsmaterialien sein, als auch ein Dienstleister, welcher Autoren in die Lage versetzt, geeignete Materialien für die digitale Bildung zu produzieren.
Das Wissen, wie sinnvolle Online-Angebote bereitgestellt werden, habe meine Mitarbeiter und ich schon lange und belegen das auf einem YouTube Kanal mit Videos zur Weiterbildung, die mehr als 1,2 Millionen Mal aufgerufen wurden.

Die in Jahren gewachsene Erfahrung soll weitergegeben werden

Als Organisator und Autor von Lernplattformen habe ich früher beim Aufbau von Online-Angeboten stets mit Lernzielplänen begonnen. Diese nannten sich beim Computerführerschein ECDL Syllabus oder sie waren Lernfelder eines Rahmenlehrplanes welcher zu einem IHK-Abschluss führte.
Solche Pläne sind für alle Beteiligten ein nachvollziehbares Gerüst, welches systematisch mit Bildungsmaterialien gefüllt werden kann. Seine Fachgebiete sollte jeder gute Lehrer oder Ausbilder sicher beherrschen. Was fast immer bei älteren Kräften fehlt, ist die Medien- und Methodenkompetenz für Online-Angebote. Wegen mangelnder Weiterbildung der Lehrer und Ausbilder, sowie der Rechtsunsicherheit und der Gefahr von Abmahnungen sind schnell Argumente gegen den Einsatz digitaler Werkzeuge im Unterricht gefunden.
Die mangelhafte Professionalität der meisten bislang verfügbaren Angebote und der Mangel eines redaktionell bearbeiteten OER-Kataloges mit Bewertung der verfügbaren freien Bildungsressourcen weckt Verständnis für die Ablehnung vieler zur Bildung und Ausbildung beitragender Menschen.
Im Jahr 2001 habe ich ein relativ einfach aufgebautes Seminar für zukünftige ECDL-Trainer und Prüfungsleiter besucht. Online Angebote und ein Präsenzseminar führten zusammen mit dem Bestehen aller 7 ECDL-Prüfungen zu einem Zertifikat welches als Kompetenznachweis eingesetzt wurde. Die D21 Initiative oder andere Initiativen mit der gleichen Ausrichtung könnten ein vom Aufwand vergleichbares Angebot machen und einige ECDL-Komponenten mit der bisher vernachlässigten Medien- und Methodenkompetenz ergänzen. Ziel ist, dass an Bildung beteiligte Pädagogen eigene digitale Bildungsangebote nach einem Prüfplan (bzw. Curriculum oder Syllabus) erstellen, wie von einer federführenden Initiative empfohlen wird. Dieser vorgeschlagene Weg fördert die Kompetenzen, die Herr Dr. Pallack, ein Schulleiter aus Arnsberg schon mit seinem Kollegium praktiziert. Er war am 15. Juni zur Bildungsveranstaltung in Berlin und berichtete über das Arnsberger Beispiel. Solche Erfahrung bringt mehr als die vorgestellten Studien, die viel Geld gekost haben aber kaum zu neuen Angeboten oder Erkenntnissen beitragen.
Falls ein Budget bereit stehen würde, könnte ich mir vorstellen, als erfahrener und vernetzter Projektleiter mit vielen praktischen Erfahrungen bei zukünftigen Projekten mitzuwirken und vorhandene eigene Lerneinheiten als Fallbeispiele einzubringen, falls das angemessen honoriert wird.
Wer als Bildungseinrichtung noch keine Lernplattform einsetzt, kann mit wenigen tausend Euro Einmalkosten für ein derartiges Projekt die von uns entwickelte wer-weiss-was.net Lernplattform kopieren. Auf dieser Basis kann in kurzer Zeit und mit unserer Unterstützung das Knowhow erworben werden. Je nachdem, wieviel Einsatz des eigenen Personals man plant, liegen die bei externen Dienstleistern entstehenden Folgekosten für eine eigene Plattform monatlich im ein- bis dreistelligen Eurobereich.

OER-Produktion

Die Graswurzelbewegung und qualitätsgeprüfte Verlagsangebote sind für die professionelle OER-Entwicklung wichtig.
Wenn in der Öffentlichkeit ein positives Bild für die Digitale Bildung geschaffen werden soll, müssen offene digitale Bildungsmaterialien die gleiche Qualität haben, wie die bisher von Verlagen gelieferten konventionellen Materialien. Es muss klar erkennbar sein, dass der Nutzen von OER viel höher ist, weil sie zum Mitmachen und Ausgestalten auffordern. Das kopieren und abwandeln von Inhalten ist bei OER nicht verboten. Genau diese Nachdruckverbote mit dem Copyright-Symbol stehen im Vor- oder Nachspann jedes von Verlagen gelieferten Schulbuches und das macht es trotz guter Inhalte für digitale Bildung unbrauchbar.
bluepages, das Unternehmen für das ich spreche, bietet schon einige Materialien für Lernplattformen aus eigener Produktion an, welche in einer definierten Serverumgebung alle wünschenswerten Handlungen erlauben. Wir wollen uns auf die Bereitstellung automatischer Assessments für die Lernplattform Moodle spezialisieren und haben dazu Tools und Knowhow entwickelt, damit diese sehr preiswert produziert und angeboten werden können. Der von einem Bildungsguru abgeleiteter Wahlspruch zu unseren Assessments lautet: What YOU test is what THEY learn.
Parallel zur Assessmentproduktion wollen wir Material von Lehrern, Ausbildern und freien Autoren herausgeben oder verlegen, welches diese in ihrer Freizeit produziert haben und gegen ein angemessenes Honorar als OER freizugeben bereit sind.
Aus Erfahrung weiß ich, dass viele meiner früheren Lehrer- und Ausbilder-Kollegen ihre eigenen Produktionen freigeben würden, wenn sie einen spürbaren Vorteil davon haben. Öffentliche Anerkennung, Beifall und Lob allein würden weder Spitzensportler noch gute Autoren von OER motivieren. Die Aussicht auf Honorar ist die beste Motivation, wenn man kein Altruist ist.
Mit dieser Einsicht haben wir gerade unsere AGB für die Beziehungen mit Kunden und Autoren formuliert.
Hochklassige OER werden schwerlich aus dem Nichts entstehen aber wenn schon etwas da ist, motiviert das zu Verbesserungen oder regt an, noch mehr hinzuzufügen. Das sehen wir beim Wachstum der Wikipedia.
Mit der Gewissheit, dass vorhandenes Material mehr zum Mitmachen motiviert als ein Start bei null, kann man eine Basisversion für OER professionell erstellen lassen und honorieren. Der oder die Autoren werden mit einer Einmalzahlung für die anschließende Freigabe unter einer CC-BY Lizenz honoriert. Auf dieser Basis könnten auch vorhandene Lehrmaterialien in OER umgewandelt werden, wenn alle Rechteinhaber zustimmen und mit einer vereinbarten Ablösezahlung abgefunden werden.
Das Verlagswesen ist auch deshalb um eine OER-Sparte zu erweitern, weil sich Autoren nicht um das ganze Drumherum kümmern können oder wollen und das professionelle Management durch einen Verlag schätzen gelernt haben. Zumindest die Qualität von Erstausgaben ist durch rechtskundige Lektoren zu sichern. Damit gibt es für Lehrer und Ausbilder auch die gewünschte Rechtssicherheit.
Unser Verlag sucht vor allem Autoren, die schon Material haben und es zukünftig über uns vermarkten möchten. Völlige Neuentwicklungen sind auf der Basis von Subskriptionen möglich.
Falls der vom Autor gewünschte Ablösebetrag für mögliche OER nicht oder noch nicht aufgebracht wird, kann man das Material zunächst mit den üblichen Volumenlizenzen herausgeben.
Statt einer Einmalzahlung für die OER-Umwandlung wird dann konventionell pro Server mit einer Zahl potentieller Nutzer kalkuliert. Das Material darf innerhalb des Netzwerkes kopiert und verändert werden. Die Weitergabe von Modifikationen setzt jedoch vertragliche Regelungen voraus, die bei OER entfallen würde. In die Verträge mit Autoren, die auf unseren Plattformen publizieren, wollen wir eine Automatik einbauen. Sie stimmen der Freigabe als OER automatisch zu, wenn die geforderte Ablösezahlung zusammengekommen ist. Bei Online Publikationen erhalten Autoren 60% des von Ihrem Werk verursachten Umsatzes. Wenn Lehrer und Ausbilder, die häufig nur in Teilzeit beschäftigt sind, schon gutes eigenes Material anzubieten haben, lohnt sich ein Nachdenken über den notwendigen Zeitaufwand für ein Zusatzeinkommen als Autor. Aus dem zusammen gestellten Material könnte mit etwas Nacharbeit eine nach dem Urheberrecht nicht mehr zu beanstandende Bildungsressource gemacht werden.
Zunächst können Kunden die gewünschten Nutzungslizenzen über bluepages erwerben, weil sie nicht auf OER-Freigaben warten wollen. Am Ende könnte dem Autor eine Ablösezahlung überwiesen werden, damit sein Werk zur OER wird, die fortan von der Netzgemeinde gemeinsam weiter entwickelt wird.
Falls Sie die angerissenen Themen Knowhowtransfer beim Aufbau von Lernplattformen oder „Bezahlte OER-Erstausgaben“ für diskussionswürdig halten, freue ich mich über einen Meinungsaustausch.

Mit freundlichen Grüßen
Konrad Rennert, bluepages gmbh